Lebensplan
In unserer Gesellschaft wird jedem Menschen ein gewisser Rahmenplan vorgegeben. Spätestens drei Jahre nach der Geburt geht man in den Kindergarten. Weitere drei Jahre später folgt die Einschulung in die Grundschule. Nach vier Grundschuljahren geht es weiter auf eine weiterführende Schule. Je nach Schulform und angestrebtem Abschluss besucht man die weiterführende Schule für sechs bis neun Jahre. Noch während dieser Zeit muss man sich entscheiden, wie es nach dem Schulabschluss weiter gehen soll. Eine Ausbildung? Ein Studium? Schon während der Schulzeit muss man also den Grundstein für die berufliche Zukunft legen. Zeit für Abweichungen von diesem Plan gibt es kaum. Praktika zur Berufsfindung werden oft belächelt oder als Zeitverschwendung angesehen. Dieser Rahmenplan muss irgendwie in den Lebensplan integriert werden. Oft muss man sich die Fragen stellen: “Was ist mir wichtiger, im Privatleben glücklich sein oder Karriere machen?“ oder auch: “Wo sehe ich mich in 10 Jahren?“.
Meiner Erfahrung nach kann man sich diese Fragen zu dem Zeitpunkt noch gar nicht beantworten. Auch ich bin ursprünglich diesem Plan gefolgt und wollte nach dem Abitur unbedingt studieren. Nur durch eine Reihe von glücklichen Zufällen bin ich heute Heilerziehungspfleger und nicht Dolmetscher oder Fremdsprachenkorrespondent. Das hat mir gezeigt, dass es unmöglich ist, bereits in jungen Jahren einen Lebensplan zu erstellen, der einen auf lange Sicht glücklich macht. Man muss den Mut haben auch mal von seinem ursprünglichen Lebensplan abzuweichen, um sein Glück zu finden.
In der Arbeit mit unseren Gästen wird diese Einsicht immer wieder bestätigt. Aufgrund ihrer Erkrankungen und den damit einhergehenden Einschränkungen ist es ihnen, in der Regel, nur bedingt möglich einen Lebensplan zu erstellen und umzusetzen. Zu groß ist die Ungewissheit, man kann nie wissen wann sich der Allgemeinzustand verschlechtert. Sowas kündigt sich nicht an, man sieht die Verschlechterung erst wenn sie da ist. Und dennoch sind es oft gerade die Dinge, die sich nicht planen lassen, die das Leben wertvoll machen.
Text: Luigi Gianni
Foto: AM