Geschwisterliebe
Eine kleine, ganz und gar nicht repräsentative Umfrage aus unserem Kreativraum unter acht bis zwölfjährigen hat ergeben, dass große Brüder manchmal ganz doll stinken können und kleine Schwestern fast immer richtig laut schreien, bis einem fast die Ohren abfallen .
Jedem, der mit Geschwistern aufgewachsen ist, fallen jetzt wohl beliebig viele Dinge ein, um diese Auflistung unendlich weiterzuführen. Man liebt sich, streitet sich, verbündet sich gegen die Eltern, muss immer das haben, was der andere hat und doch will man am Ende des Tages seinen Bruder oder seine Schwester gegen nichts auf der Welt eintauschen, auch wenn man das selbstverständlich nie laut sagen würde.
Aber wie ist das mit einem erkrankten Geschwisterkind?
Wir haben einige Kinder gefragt, ob es etwas gibt, das sie so richtig blöd finden an ihrem erkrankten Geschwisterkind. „Nö, da finde ich nichts blöd sagt ein zehn Jähriger. Obwohl, die Krankheit, die finde ich so richtig blöd an meiner Schwester. Sonst aber nix.“ Ein anderes Mädchen schüttelt energisch den Kopf und sagt: „Da gibt’s nix blödes bei meinem Bruder“. Bei der Frage, was sie am liebsten mit ihren erkrankten Geschwistern machen war die Antwort verblüffender Weise bei Allen gleich. Kuscheln! Am allerliebsten kuscheln sie mit ihren erkrankten Geschwistern - Genießen die Körperwärme und gemeinsame Zeit.
„Manchmal erzähle ich meinem Bruder dann Geheimnisse. Die erzähle ich nur ihm und weil er gar nicht sprechen kann, weiß ich immer, dass er kein Geheimnis von mir weitererzählt, erzählt eine acht Jährige und muss grinsen.
Gibt es auch Momente, in denen sie eifersüchtig sind, weil Mama und Papa ganz viel Zeit für die Pflege des Geschwisterkindes aufbringen und sie in vielen Momenten Rücksicht nehmen müssen? „Nein“ antworten alle Geschwister, aber nach einer kurzen Denkpause sagen sie „Eigentlich nicht“ „Fast nicht“ „Vielleicht ein klitzekleines bisschen“ „Manchmal ja“.
So schön sich das anhört, gibt es aber sicherlich auch mal schwere Momente. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Mädchen, die sich nicht so richtig auf ihren Geburtstag freuen konnte, aus Sorge, dass ihre Schwester wieder mal ins Krankenhaus müsse und dann niemand Zeit hätte Geburtstag zu feiern, weil dann alle wieder im Krankenhaus sind. „Aber dann ist das auch ok“, sagte sie tapfer.
Anders herum gibt es Situationen in unserem Haus, in dem Eltern mit dem gesunden Geschwisterkind schimpfen und das erkrankte Kind laut anfängt zu lachen, aus Schadenfreude. Auch wenn man vermuten würde, dass dieses Mädchen auf Grund ihrer Erkrankung nicht unbedingt weiß, was Schadenfreude bedeutet, ist das wohl etwas, was man als Geschwister, ob erkrankt oder nicht, selbstverständlich in sich trägt.
Ein anderes vierjähriges Mädchen erzählte, dass sie, wenn sie groß ist, Ärztin werden möchte, um ihren großen Bruder wieder gesund zumachen.
Es gibt so unendlich viele Geschichten, die Geschwisterliebe beschreiben, bei denen wir täglich Zeuge werden dürfen.
Wir staunen in unserer täglichen Arbeit immer wieder wie selbstverständlich die gesunden Geschwister ihre erkrankten Geschwister am Leben teilhaben lassen durch Erzählungen oder indem sie ihre Geschwister unterstützen oder mit ihnen spielen. Wie selbstverständlich sich die Geschwister auf das konzentrieren, was mit ihren Geschwistern geht, nämlich zum Beispiel kuscheln, ohne damit zu hadern, was nicht geht. Wie nebenbei kriegen sie jeden Tag vorgelebt, was es bedeutet Rücksicht zu nehmen, bedingungslos zu lieben und worauf es im Leben ankommt. Dass der Wert eines Menschen nicht an coolen Klamotten, Aussehen oder Schulnoten gemessen wird, sondern vielleicht viel mehr daran, wie schön es ist mit ihm zu kuscheln.
Und dadurch machen unsere besonderen Kinder ihre Geschwister ganz nebenbei zu ebenfalls ganz besonderen Kinder und uns zu besonders stolzen Menschen, euch alle zu kennen! DANKE!
Text: Nadine Gerdes
Fotos: BKJHB